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Wir freuen uns dieses Jahr über einen ersten großen Erfolg. Im Mai konnte zusammen mit der Associación de los Amigos por los Animales de Sosua/AAASosua und dem Ärzteteam Thomas Busch und Ines Leeuw vom Tierärztepool ein dreiwöchiges Kastrationsprojekt in der Dominikanischen Republik durchgeführt werden, bei dem 244 Tiere operiert wurden. Hier der Bericht von Dr. Thomas Busch:

Eine Reise in eine andere Welt

Juni 2009 - Ein Bericht von Thomas Busch

Zu einem gelungenen Reisecocktail ist folgende Ländermischung die ideale Rezeptur: Man nehme die Einfachheit Rumäniens, mische den gleichen Anteil griechischer Gelassenheit hinzu, verziere es mit einem guten Schuss schwarzer kapverdischer Armut, winzigen Spritzern nordspanischen Wohlstands und schon sehen wir unten im Glas?

Na, wer weiß es?

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Ihr Gesicht erzählt vom Leben in dieser Region

Um das Rätsel zu lösen gebe ich gerne noch weitere Hilfen: es ist eine Insel mit zwei Ländern, nicht gerade klein, und eines davon ist das Ärmste der westlichen Hemisphäre. Sie wird umspült von zwei Meeren, ist wunderhübsch und ein traumhaftes Ferienparadies.

Der Flug dauert gerade mal 6 Stunden länger als nach Kreta, wobei Sie dann noch nie im Winter nach Griechenland geflogen sind. Da kann Ihre Reise über Frankfurt - Thessaloniki - Athen - Heraklion auch leicht mal 10 Stunden in Anspruch nehmen. Und die Flugkosten sind im Übrigen fast identisch. Aber keine Sorge, der Tierärztepool macht weder eine Umschulung zum Geologiepädagogen, noch wollen wir mit Herrn Günter Jauch konkurrieren und auch nicht als Reisebüro fungieren. Aber Ihr Blick soll durch den exotisch klingenden Namen unseres Zieles nicht abgelenkt werden sondern er soll den Fokus auf das Tierelend richten, denn das ist fast überall auf unserer Kugel existent und auch nahezu gleich - völlig egal wo man gerade ist.

"Warum wir hier sind, warum gerade hier?" fragen Sie sich vielleicht, wenn Sie das Rätsel gelöst haben. Das ist amüsant, denn diese Frage stellten wir uns im Vorfeld auch mehr als nur einmal. Aber wir bleiben bei unserer Ideologie, dass alle Tierschützer dieser Welt mit einem schlüssigen Konzept, egal wo und egal wie schwer ihre Pionierarbeit ist oder war, egal welche Anstrengungen sie unternommen haben um die Stromschnellen von Hass, Gleichmut, Brutalität oder Furcht zu durchschwimmen, eine kleine Sicherheit von uns bekommen sollten, dass wir am anderen Ufer stehen und ihnen helfen, an Land zu steigen. Denn Tierärzte im Tierschutz sind in den meisten Ländern leider immer noch seltene Exemplare und die medizinische Betreuung von Straßentieren oftmals eine Katastrophe! So hoffen wir, mit jeder Kastrationsaktion Akzente zu setzen, ein Umdenken zu erreichen, neue Wege aufzuzeigen oder bestehende zu festigen. Bisher ist uns dies bei jedem Einsatz gelungen, warum also nicht auch hier?

Ich greife vorweg und sehe Judy, umgeben von einer Scharr begeistert zuhörender Kinder, die ihrer lehrenden Stimme in Bezug auf den Umgang mit Tieren lauschen. Oder ich sehe Ines, nur durch eine Glasscheibe getrennt von den neugierigen Blicken faszinierter Jugendlicher, die ehrfürchtig auf ihre operierenden Hände gerichtet sind. Ich sehe Menschen, die Kinder anspornen, um sie zur Achtung vor Tieren zu ermutigen und sie mit einer Liebe panzern, die allem standhält, womit der Rest der Gesellschaft sie bewerfen möchte.

Wir haben lange überlegt, ob es der Tierärztepool erneut wagen darf, die "Grenzen" einer durch Menschen gezogenen Linie zu überschreiten, um die "Sicherheit" und das "Verständnis" einer europäischen Gemeinschaft zu verlassen. Wir wissen, dass es selbst in einer EU immer noch Skeptiker gibt, die meinen, Tierschutz hört an Schlagbäumen auf oder fängt dort erst an. Es mag auch immer noch Menschen geben, die glauben, wir Erdbewohner leben auf unterschiedlichen Planeten und können ihn wechseln, wenn der eine oder andere zerstört ist. Ich werde mir nicht anmaßen, zu beurteilen oder sogar zu verurteilen, wo diese bornierte Ansicht herkommt und ob sie vielleicht einer Wahrheit entspricht. Nur eine Äußerung, die durch diese Reise einmal mehr unterlegt ist, müssen Sie mir gestatten: Tierelend ist überall auf unserer Erde vorhanden! Und genau deshalb sind wir hier! Außerdem hat auch uns der Name dieser Region verzaubert.

Nun werde ich Sie nicht weiter mit moralischer Langeweile konfrontieren, weiß ich doch, dass viele Leser darauf brennen, zu erfahren, wo wir sind und was uns in diesem Teil der Erde erwartet. Nach einer Zeitverschiebung von 6 Stunden und einem 10 Stunden Flug ist unser Körper zwar gelandet, die tatsächliche Zeitumstellung, beziehungsweise die Gewöhnung daran, findet allerdings erst 3 Tage später statt. Jetlag - wie es im Fachjargon heißt, kann sehr unangenehm sein. Da nützt auch die freundliche Umarmung der zwei halbnackten Inselschönheiten nichts, die, kaum ist man übermüdet aus dem Flugzeug geklettert, ihre Arme um unsere Schultern legen und mit uns in eine Kamera lächeln. Die Fotos darf man dann später käuflich erwerben. Wer allerdings meint, nach einem 10 Stunden Flug und 6 Stunden Zeitverschiebung noch gut auszusehen, der kauft die Fotos nicht wegen des eigenen Portraits!

Nun stehen wir am Band und warten auf die Dinge, die da hoffentlich aus dem Flugzeugbauch ausgeladen wurden. Hinter der Zollabfertigung erkennen wir bereits unsere beiden Namen auf einem Schild, welches von einem Flughafenmitarbeiter in die Höhe gehalten wird. Wir geben uns zu erkennen und kurze Zeit später erscheint der amerikanische Konsul der nördlichen Region der Insel, heißt uns willkommen und lotst uns am Touristengedrängel und am Zoll vorbei. "Ähnlich wie in Griechenland" denke ich ironisch amüsiert und doch verbittert, als vor dem Flughafengebäude erneut Nikon-Auslöser klicken und wir von Judy, der Leiterin dieses Projektes, herzlich begrüßt werden.

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Judy - mit dem ansteckendsten Lachen der Welt und immer gut gelaunt!

Ein ganzer Stab ihrer freiwilligen Helfer ist ebenfalls zum Flughafen gekommen. Aber alle Anwesenden wissen, wie man sich nach so einem Flug fühlt und haben Mitleid. Wir verladen unsere Kisten auf Judys Pick-up und fahren deshalb unverzüglich in das Hotel.

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Im "Sosoua by the sea - Hotel" wohnten wir kostenlos. Es war eine Spende für den Tierschutz!

"Morgen habt ihr noch frei, aber Montag geht's los" sagt Judy und drückt uns zum Abschied. Montag? Ich überlege kurz welcher Tag heute ist. Freitag! Diese Zeitverschiebung ist die Hölle, aber so sehr ich auch grüble, mir fehlt der Sonntag. "Judy, wir fangen Sonntag an, kannst Du Hunde besorgen?" antworte ich und schaue in große Augen.

Nun muss man wissen, dass Judy eine Hundepension betreibt. Dies ist ihre Einnahmequelle, die für ihren Unterhalt und den ihrer Tochter reichen muss. Ihre Tochter arbeitet zwar in einer Bar, aber das Einkommen ist mit Sicherheit nicht üppig. Die ehrenamtlichen Helfer haben gleichfalls alle Familien und so ist das Wochenende eben frei. Das wollen wir ändern und nach kurzer Verhandlung einigen wir uns auf ein paar Tiere und vor allem auf das Besichtigen und Einrichten der Klinik.

Judy hat durch eine Erbschaft (Stiftung) die Chance erhalten, ein Haus zu bauen, um es als Klinik für Straßenhunde zu betreiben. Es befindet sich in unmittelbarer Nähe eines Tierarztes, der ebenfalls sehr viel für Straßentiere tut, aber der Flut alleine nicht Einhalt gebieten kann. So hat er nichts dagegen, dass bei Judy immer mal wieder ausländische Tierärzte arbeiten.

Am Sonntagmorgen - Judy hat sich überreden lassen - stehen wir also vor einem großen Gebäude mit der Aufschrift: "Judy`s Pet Lodge".

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Überall herrscht Sauberkeit. "Zweckmäßig und gut durchdacht", staunen wir sowohl vor der Zwingerreihe stehend, als auch beim Eintritt ins Innere der heiligen Hallen. So hatten wir uns das Kastrieren in den Bergdörfern des Dschungels nicht vorgestellt.

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Unser Optimismus erhält allerdings einen deftigen Dämpfer, als wir das Equipment betrachten, welches vor Ort, nach unzähligen vorangegangenen Mails und Telefonaten, "leicht" zu besorgen sein sollte. Die Finanzierung unseres Einsatzes war, wie überall, ein großes Problem. Es hieß, dass das medizinische Equipment aus den Vereinigten Staaten zu besorgen sei und wir nur eine Liste mit unseren Wünschen losschicken sollten. Das taten wir.

Wenige Tage vor unserem Abflug bekamen wir jedoch eine Mail, dass dies nicht da sei, das fehlte auch noch und jenes sowieso. Kurz, es war kaum etwas da und das, was da war, benutzen wir sehr ungern oder gar nicht. Ein kurzes medizinisches Beispiel: Wir legen grundsätzlich bei jedem operativen Eingriff, der eine Vollnarkose benötigt, einen venösen Zugang mit Hilfe eines Katheters. Somit können wir die Narkose gut steuern und im Falle eines Atem- oder Herzstillstandes unverzüglich reagieren und die, durch eben diesen Katheter gespritzten Notfallmedikamente erreichen ihr Ziel im Inneren des Tieres in wenigen Sekunden. Bei den letzten 2500 Operationen hatten wir mit 21 Atem- oder Herzstillständen zu kämpfen, konnten so aber 19 Tiere wieder ins Leben zurückholen. Eine Zahl, die die Venenkatheter rechtfertigt!

Nun gibt es allerdings Katheter, die eine Zuspritzmöglichkeit besitzen - unsere Lieblingskatheter. Fehlt diese Zuspritzmöglichkeit, so wird die aufgesetzte Narkosespritze, egal wie vorsichtig der Anästhesist arbeitet, immer mit Blut kontaminiert und kann nach der Operation nicht für weitere Tiere benutzt werden, sondern muss entsorgt werden. Leider auch oftmals mit einem verbliebenen Rest des teuren Narkosemittels.

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Das alles kostet Geld, viel Geld und das was Sie hier sehen ist nur ein Bruchteil

Da die Dinge, die wir kaufen, unserem Verein, dem Förderverein Arche Noah Kreta e.V., aus moralisch-finanziellen Gründen rückerstattet werden müssen, schauen wir nach der Klinikbesichtigung in lange Gesichter. Dies war der einzige Augenblick in der gesamten Zeit, die wir mit Judy verbrachten, in der ihr erquickendes Lachen eingefroren war, denn sie hatte lediglich € 1000, - zur Verfügung.

Unser, in aller Eile in Deutschland noch getätigter Einkauf (hauptsächlich Narkose und Nahtmaterial) schlug aber mit knapp € 2000,- zu Buche.

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"Nun mach Dir mal keine Sorgen, lass uns erst einmal anfangen", trösten wir Judy. "Vielleicht gehen ja noch ein paar Spenden ein?"

Ich darf vorwegnehmen, dass wir mit den € 1000,- locker über die Runden kamen, denn der Modehund auf dieser Insel ist der Chihuahua, mit der Größe eines Meerschweinchens. Und für diese Zwerge brauchen wir natürlich nur einen Bruchteil dessen, was eine Deutsche Dogge benötigt. Und als sich Judys Gesicht so langsam von dem ersten Schrecken erholt hat, steht eine Frau im Eingang mit einem? - Sie dürfen erneut raten - ? richtig, Chihuahua auf dem Arm. Die Kleine ist an ihrer Scheide blutverschmiert und wohl schon seit einiger Zeit in der Geburt. "Kaiserschnitt und zwar zügig", lautet unsere Diagnose, ahnend, dass der Welpe wenige Überlebenschancen hat. Aber die Mutter können wir vielleicht retten. Dr. Bob, Judys Tierarztnachbar, ist nicht in seiner Praxis und so ist es kein Problem, wenn wir versuchen, diesem Privathund das Leben zu retten.

Es ist auch hier so - wie bei jedem Einsatz - dass man erst einmal seinen "Rhythmus" finden muss. Keiner weiß, was der andere kann, wie gearbeitet wird und vor allem, welche chirurgischen Erfahrungen wir, die Tierärzte, mitbringen. Judy berichtet uns später, dass sie auch schon ein paar Mal auf die Nase gefallen ist und die Ärzte eine reine Katastrophe waren. Ach nee? In dieser Situation, in der das Leben einer Hündin am seidenen Faden hängt, ist jedoch für solche "Einarbeitungsphasen" kein Raum. Zwei Probleme gilt es zu lösen. Mit dem ersten muss ich mich beschäftigen, denn meine Erfahrung, die oben beschriebenen Katheter in "Meerschweinchenvorderbeine" einzubauen, ist nicht groß. Es gelingt.

Das zweite Problem stellt sich Ines, denn der Welpe hängt im Geburtskanal und lässt sich weder in die eine noch in die andere Richtung schieben. Durch die Manipulation an der Gebärmutter reißt diese ein und ein dunkler, verfaulter Welpe erblickt tot das Licht der Welt. In diesem Fall die Neonlampen. Ines schüttelt sich, denn die Haare des Welpen lösen sich bereits. Es ist ekelhaft und wahrlich kein schöner Start auf unserer Palmeninsel. Die Hündin überlebt und Judys Skepsis und die Diskrepanz zwischen "Was können die neuen Tierärzte?" und "Ich brauche sie!" ist in Judys Gesicht einem nicht mehr verschwindenden Lachen gewichen. Fotos kann ich in der Hektik der Operation keine machen und ich glaube, es ist auch gut so.

Überhaupt denke ich oft daran, wie viel ich Ihnen, liebe Leser, zumuten kann, entscheide mich dann aber meistens für den Mittelweg. Wir haben in den vielen Jahren, die wir unterwegs sind, alles gesehen, was an Elend produziert werden kann und unsere dicke Schale schützt uns. Und auch die Liebe zu diesem Job. Und natürlich auch der Sinn unseres Jobs. So überspringen Sie einfach die Bilder, die Ihnen zu "heftig" erscheinen und suchen in ihnen keine Details. Aber es sei mir erlaubt, Ihnen eine "gefilterte" Dosis anzubieten, damit Sie eine kleine Vorstellung erhalten, was an täglichem Leid auf dieser Welt existiert. Und natürlich auch deshalb, damit Sie wissen, was mit Ihren Spenden umgesetzt werden konnte und wem geholfen wurde. Sieben Tiere werden es heute, ein Minusrekord im täglichen Kampf des Tierärztepools gegen die Welpenflut. Aber es war ja auch Sonntag - Am zweiten Tag werden es neun Tiere.

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Am dritten Tag immerhin 17 und drei andere Operationen zu denen zwei Nabelbrüche und eine Verletzung zählt.

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Leider begleiten Abtreibungen jeden Einsatz
Aber besser, als in diesem Alter zu sterben!

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Oder so zu enden?

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Die ehrenamtlichen Helfer sind gut ausgebildet und gehen sehr nett mit den Tieren um. Wir sind allerdings gewöhnt, fast immer alleine zu arbeiten und wissen ehrlich gesagt nicht so richtig, was wir mit so vielen Helfern anfangen sollen. Aber alles sortiert sich ein und am Ende möchte ich behaupten, dass es eine bessere Vor- und Nachsorge bei einer Kastrationsaktion noch nie gab. Die Planung, die Buchführung, der Umgang mit neugierigen und interessierten Zuschauern, selbst die Überwachung der Atmung nach der Operation laufen ohne Lücke. Und menschlich verstehen wir uns immer besser. Kurzum; es macht Spaß hier zu arbeiten!

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Kurze Einführung

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Diana - zu ihr haben die Tiere sehr schnell Vertrauen.

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Frank - immer da, wenn man ihn braucht.

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Sandy bei der postoperativen Narkoseüberwachung

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Chuck - charmantes "Mädchen für alles"

Die Tiere bekommen bei ihrer Ankunft eine Nummer auf den Kopf geklebt. Diese Nummer begleitet die Hunde durch die ganze Klinik, so dass es an keiner Stelle Verwechselungen geben kann.

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Alles läuft nach Plan, wenn da nicht das Wetter wäre. Fast das ganze Jahr hindurch fallen die Temperaturen nicht unter 20 Grad. So auch im Mai nicht. Aber jetzt ist Regenzeit und die Luftfeuchtigkeit ist extrem hoch. Morgens lacht die Sonne, aber gegen Abend, ziemlich genau zu unserem Feierabend, öffnen sich die Himmelspforten und es schüttet wie in den Tropen. So bekommen wir von dem Örtchen und der schönen Gegend so gut wie nichts mit. Aber da der Ort durch einen boomenden Sextourismus immer mehr Bekanntheitsgrade erlangt, ist unser Interesse, in irgendwelchen Bars dem Treiben fetter rotbäuchiger Ausländer zuzuschauen, mehr als gering. Eine Kastrationsaktion an diesen Tresen würde auch einen Sinn ergeben. Tschuldigung!

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Wieder zurück an ihren angestammten Platz - kastriert natürlich!

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Nachdem wir die letzten kastrierten Tiere wieder an ihre angestammten Plätze zurückgebracht haben, tauschen wir die saubere Klinik gegen einen Raum in einem Dorf ca. 15 km von hier entfernt. Da wir als Ärzte angekündigt wurden, die sehr gut improvisieren können, die eine Narkose fahren, die kein Anästhesiegerät benötigt, die schnell und sauber und vor allem steril arbeiten, entstand der Plan, in die Dörfer zu ziehen und dort vor Ort zu kastrieren. Das Hin- und Herfahren der Tiere entfällt, das Interesse der Bevölkerung wird viel mehr geweckt und die Verantwortlichkeit der Gemeinden stellt sich offensichtlicher dar. So hat Judy mit einem Bürgermeister in schriftlicher Form vereinbart, dass wir einen leerstehenden Raum in einem der Dörfer benutzen dürfen. Das Dorf ist schrecklich. Es ist eigentlich gar kein Dorf, eher eine Plattenbausiedlung.

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Die Menschen lebten einst in einem Flussdelta und hatten des Öfteren mit Überschwemmungen zu kämpfen. Daraufhin beschloss die Obrigkeit eine Umsiedlung und baute zu diesem Zweck diese mehr als hässliche Siedlung. Der wirkliche Grund, so munkelt man, sei allerdings die Planung eines Hotels in dem Flussdelta... Wir besichtigen den Raum. Er sieht aus wie ein nagelneuer Operationssaal. Nur die Tapeten müssten mal gewechselt werden und neue Vorhänge wären auch schön. Aber fließendes Wasser ist da, ausreichende Beleuchtung und sichere Stromanschlüsse für unsere elektrischen Geräte.

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Dichter Wasseranschluss?

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Ausreichende Beleuchtung?

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Gut isolierte elektrische Leitungen?

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Kurze Besprechung:

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Wir wollen dem uns vorauseilenden Ruf gerecht werden und verteilen die Aufgaben. Nach Art des Landes ist am nächsten Tag alles noch perfekter und wir beginnen mit unserer Aufgabe.

Die OP-Lampe?

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sterile Handtücher?

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Wasserhahn mit Waschbecken?

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Wer glaubt, dass aus dem Wasserhahn tatsächlich Wasser kam, der befindet sich im Irrtum. Judys Fängerteam hat gute Arbeit geleistet und die Boxen des Pick-ups sind voll.

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Wir beginnen zu operieren. Und jetzt folgt das in diesen Ländern immer wieder Faszinierende: Ines Operationstisch steht aus Lichtgründen direkt am Fenster. Vor diesem Fenster ist ein Gitter (jedes Haus ist auf diese Weise gesichert - aber dazu äußere ich mich später noch) und vor diesem Gitter stehen die ganzen Tage immer mindestens 5-20 Menschen und schauen zu. Gespräche entstehen. Fragen kommen auf. Skepsis verschwindet. Judy nutzt diese Chance und klärt die Kinder auf. Sie mahnt die Jugendlichen im Umgang mit Tieren und überredet die Erwachsenen, bei dieser Aktion mitzuhelfen.

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Tag für Tag?

Auf dem Hof ist auch die Hölle los.

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Denjenigen, die ablehnend auf diesen Einsatz reagieren, hält Judy ein von mir gemachtes Foto unter die Nase, welches das Stickersarkom eines Rüden zeigt (Stickersarkome sind halb gut, halb bösartige Tumore an Geschlechtsorganen, die durch den Deckakt übertragen werden und wahrlich nicht schön aussehen)

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Sticker beim Rüden

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Sticker bei einer Hündin...

"Willst Du, dass Dein Hund so etwas bekommt?", wirft Judy den Kastrationsgegnern entgegen, woraufhin auch alle den Kopf schütteln. "Also dann lauf los und bring Deinen Hund!" Es funktioniert und spätestens jetzt sind wir in unserem Rhythmus. Zwanzig Tiere und mehr schaffen wir täglich, obwohl bereits gegen 17:00 Uhr das Ende eingeleitet wird. Wir lieben die Arbeit inmitten dieser Gesellschaft.

Es ist laut, Hunde bellen, Menschen diskutieren, Kinder spielen. Für wenige Tage sind wir der Mittelpunkt in dieser Dorfgemeinschaft und sorgen mit unserer transparenten Arbeit dafür, dass über das Problem der Straßentiere nachgedacht wird. Viele Einwohner finden es toll, dass sich um die Tiere gekümmert wird, andere sind skeptisch. Sie verlieren aber ihren Argwohn nach kurzer Zeit, spätestens dann, wenn sie sehen, wie fit und unverändert die Hunde und Katzen aussehen, die am Vortage operiert wurden.

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Der Herr in der Mitte des Raumes mit dem roten T-Shirt ist der Bürgermeister

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Judy nutzt jede Chance, um die Kinder aufzuklären. Alle finden es toll... Nicht wirklich. Die Kindergärtnerin ist stinksauer. Es stinkt nach Blut und die Kinder werden alle krank! Unser Operationssaal liegt nämlich genau neben dem Raum, der Kindergarten genannt wird. Der Eingangsbereich befindet sich aber gegenüber und eine Wand trennt uns von den Zwergen. Es riecht nach Blut... Allem anderen würden wir zustimmen, aber nicht dem Geruch von Blut.

Das Gezeter nimmt Judy mit ihrem typischen Lachen auf. Selbst als die Frau die Polizei anfordert, ändert sich an der Stimmung nichts. Judy hat von unserer Arbeitserlaubnis bis hin zur offiziellen Einladung und Nutzung dieses Raumes vom Bürgermeister alles schriftlich bekommen und pflegt im Übrigen auch noch beste Kontakte zur Polizei. Dies ist in solchen Ländern überaus hilfreich! So bleibt unserer Kindergartennachbarin mit ihrem sensiblen Riechorgan nichts weiter übrig, als weiter zu zetern, mit der Konsequenz, dass die nächsten Tage der Kindergarten geschlossen bleibt. Zwei bereits kastrierte Hündinnen, deren Revier wohl eindeutig in unmittelbarer Nähe unseres Raumes liegt, kommen mehrmals am Tag vorbei, holen sich Streicheleinheiten ab und bekommen natürlich auch immer eine Kleinigkeit zum Naschen. Es ist natürlich Blödsinn, aber man könnte meinen, sie wollten sich bedanken.

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Bei den Menschen, die uns ein Tier bringen, welches ihr eigenes ist oder was zumindest bei ihnen vor dem Haus lebt und jetzt entweder krank ist oder einen Unfall hatte und dem wir helfen können, steigen wir ungemein in der Achtung. Segenswünsche und manchmal auch kleine Geschenke werden uns überreicht. Eine sehr schöne Erfahrung, die tief ins Herz eindringt!

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Bezahlung nach Art des Landes - köstlich!

Unser nobler Operationssaal hat am dritten Tag eine böse Überraschung für uns parat, eine Erfahrung, die selbst für uns neu ist. Oben aus der Zimmerdecke treten Kabel aus. Strom führen die hoffentlich nicht mehr, denn unmittelbar neben ihnen tritt Wasser aus. Wo auch immer es herkommt, es ärgert uns, denn wir müssen aufpassen, dass es unsere sterilen Sachen nicht kontaminiert. Soweit so gut. Allerdings hat das Wasser an der Decke für das Loslösen der Farbe gesorgt und gleichfalls auch für Schimmel. Am dritten Tag fängt es also plötzlich, wahrscheinlich ausgelöst durch die Wärme, vom Himmel zu rieseln an. Wahrlich nicht witzig während einer OP und schnelles Handeln ist von Nöten. Aber in einem Land in dem "improvisieren" größer geschrieben wird als "solide", findet sich blitzschnell eine Lösung.

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Man fängt natürlich in dieser Haltung schnell an zu schwitzen, denn es ist brütend heiß in unserem Räumchen, aber bis der Bauch zu ist, hält Juan durch.

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Anschließend stellen wir einen Tisch auf den Tisch und Ines operiert unter einem Baldachin. Am Abend wird unser Equipment aus dem Raum getragen, die Decke abgefegt und am nächsten Tag ist alles wieder schick.

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Das ist auch gut so, denn ein Besuch der schreibenden Presse und des Fernsehens wurde angekündigt. Judy hat erneut Glück, denn an diesem Morgen operierten wir mal wieder eine Hündin mit einem Stickersarkom. Gnadenlos hält Judy alles in die Kamera um die Wichtigkeit der Kastrationen zu unterstreichen. Selbstverständlich sind auch immer wieder die Abtreibungen Anschauung genug, um klar zu machen, was die Menschen in wenigen Tagen oder Wochen erwartet hätte.

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Unsere Zeit neigt sich dem Ende entgegen. Wir hatten vereinbart, dass als Ausgleich für unsere Arbeit die letzte Woche operationsfrei ablaufen sollte. Dies hätte auch funktioniert, wenn wir nicht Miriam und ihren Mann kennengelernt hätten...

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Miriam und Ines

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Andreas

Die beiden versuchen schon seit langem auf der Ostseite der Insel Tiere zu kastrieren und haben bereits Erfolge zu verzeichnen. Als sie von uns hörten, tauchten die beiden bei Judy auf und hatten direkt ein paar Weibchen im Auto. Höchste Zeit für die Damen, denn sie waren hochträchtig.

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Unsere wenigen freien Tage, die bereits in Judys Anwesenheit dahin schmolzen, wie Butter in der Tropensonne, könnten wir bei ihnen verbringen, wir wären herzlich eingeladen. Na, erkennen wir da einen Hintergedanken??? Natürlich haben wir noch ein paar Tiere kastriert, aber die Gastfreundschaft von Miriam und ihrem Mann auf ihrem traumhaften Gelände ließ Urlaubsstimmung aufkommen.

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Ein paar Tiere auf dem Küchentisch gehen immer.

Für die, die meinen so etwas geht nicht: das Gelingen einer Operation hängt nicht von den Fliesen eines Operationssaales ab, sondern von dem Können des Chirurgen!!!

Interessant waren auch die Eindrücke der Armut in ihrem Dorf, denn Miriam ist bekannt und wird in jedem, noch so ärmlichen Haus willkommen geheißen. Überall zeigte man uns stolz die bereits kastrierten Tiere, und auch die trächtigen Hündinnen, die Miriam und Andreas uns vor wenigen Tagen brachten, erfreuten sich alle bester Gesundheit. Der Blick in die Hütten, die bei einem Hurrikan - und die gibt es in dieser Region nicht selten - einfach weggefegt werden, zeigt uns wieder einmal auf, wie weit Europa entfernt ist - und damit meine ich nicht die Kilometer.

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Die Dorfstraße

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Ein Luxushaus - teilweise gemauert.

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Miriam kontrolliert im Wohn-, Küchen-, Schlafbereich für mindestens 10 Personen die Narben der bereits kastrierten Hündinnen.

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Ines und ich hingegen flirten derweil mit der Dorfschönheit. Ist die nicht süß?!

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Die trächtig gewesenen Hündinnen sind alle topfit.

Die Krönung in zweierlei Hinsicht bot das Ende der Dorfstraße, denn diese mündet an einem Strand, von dem behauptet wird, er sei traumhaft.

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Und tatsächlich, die Palmen, der Strand, das Meer, die Sonne und die Einsamkeit hätten Robinson Crusoe Gefühle aufkommen lassen können, wenn da nicht die Familie gewesen wäre, die sich rührend um die Hunde aus dieser Gegend kümmert.

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Die Menschen leben in und mit der Natur... ...der wir in diesem Fall allerdings ins Handwerk pfuschen müssen!

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Ca. 30 Maden puhlen wir aus dem Loch

Und wie sollte es anders sein, eine süße kleine schwarze Hündin hat ein Loch in der Größe einer Euromünze auf ihrer Kruppe. Als wir uns das Loch näher angucken, kriechen uns die ersten Maden entgegen. Über 30 fette ekelige Maden puhlen wir aus dem Rücken des Hundes. Da diese Viecher bereits ein tiefes Loch in die Muskulatur der Hündin gefressen haben, entschließen wir uns zu einer Operation um auch wirklich sicher zu sein, die letzten Monster in der Tiefe entfernen zu können. Außerdem weint die Kleine vor Schmerzen. Leider müssen wir das Paradies nun schneller verlassen, als es uns lieb ist, denn auf dem Weg zum Haus von Miriam und Andreas bricht die Dunkelheit über uns herein. Die letzten Sonnenstrahlen begleiten das Skalpell in die tiefer liegenden Schichten der Hündin und als die letzten Maden entfernt sind, müssen die Taschenlampen ausreichen, um alles wieder zuzunähen.

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Die Maden haben sich tief ins Fleisch gefressen

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Ein Wettlauf mit der Dunkelheit beginnt...

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...den wir gegen die Maden mit Hilfe der Taschenlampen gewinnen

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Die Kleine, sie heißt inzwischen Teufelchen, darf sich bis zur vollständigen Genesung bei Miriam und Andreas erholen und als wir schon längst wieder in Deutschland sind, erreichen uns per Mail neue Bilder.

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Es versteht sich von selbst, dass wir nicht nur kastrierten, sondern uns auch um andere medizinische Fälle, ähnlich dem von "Teufelchen", kümmerten. Je nach Schweregrad der Verletzung besteht die Chance auf vollständige Heilung. Während unserer Zeit mussten wir kein Tier euthanasieren, obwohl teilweise komplizierte Fälle vorlagen:

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Brustkrebs - konnte entfernt werden

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Er durfte den Stumpf seines Beines behalten, da er damit bereits viele Jahre gut zurecht kommt.

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Hier regelte sich nach der Kastration alles wieder von selbst

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Mit einem dicken Verband schicken wir diesen Welpen zu einem einheimischen Kollegen. Ob der Besitzer sich die Operation leisten kann, erfahren wir nicht mehr.

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Ohrhämatom

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Eine Verletzung an einer sehr ungünstigen Stelle

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Seine Wunde reicht bis tief auf den Schädelknochen

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Ein riesiger Milztumor - hier bereits ausgebaut und in der Mülltonne

Bevor ich unseren Bericht beende, möchte ich von dem Abschiedsessen berichten, zu dem Judy uns und alle Helfer eingeladen hatte. Davon abgesehen, dass es in einer sehr schönen Hotelanlage stattfand, beunruhigte uns irgendetwas. Es war der Mann, der in unregelmäßigen Abständen am Restaurant vorbei lief. Er trug eine M16 locker in den Händen. Am Tisch wurde natürlich auf das Thema Kriminalität eingegangen und wir erfuhren, dass fast jeder der Anwesenden schon einmal ausgeraubt wurde oder, noch schlimmer, bereits Kontakt mit einem Baseballschläger gemacht hatte.

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Als Juan dann stolz hinter sich greift und seinen Revolver zieht, ist uns klar, dass die Grenze zu Haiti, eines der ärmsten Länder, nicht weit ist.

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Während dieser Reise lernten wir Kim (und natürlich auch Hunde von ihr) kennen, eine Meeresbiologin, die in vielen mühsamen Jahren dafür sorgte, dass die einheimische Bevölkerung versteht, dass mit der Beobachtung von Walen mehr Geld verdient werden kann als mit deren Abschuss. "Whale watching" muss ein Naturschauspiel sein, das seinesgleichen sucht. Jeder, der uns von den Walen erzählt, wischt sich anschließend kurz über die Augen oder versucht seine Gänsehaut zu verbergen. Wir waren in einer Zeit hier, in der sich die gutmütigen Riesen nördlich der Atlantikküste aufhalten. "Sie kommen wieder!", versichert uns Kim und spätestens jetzt wissen wir es - wir auch!

Sie, meine lieben Leser, haben bestimmt schon längst herausgefunden, dass wir 244 Tiere, davon alleine 144 Hündinnen an der nicht ganz ungefährlichen, dafür aber traumhaften Nordküste der Dominikanischen Republik kastriert bzw. tiermedizinisch versorgt haben. Für diejenigen mit der rosaroten Brille und die ewig Neidischen waren wir natürlich in der Karibik.

Ihr

Thomas Busch